www.echtzeithalle.de

In Zusammenarbeit mit der
Hochschule für Musik und Theater München

 

Bericht 2002

Das Jahr 2002 war geprägt durch

• Aufführungsreihe Echtzeit 2002 vom 3. bis 5. und 24. bis 26. Oktober 2002 in der Reaktorhalle München mit 8 Uraufführungen und einer Art-Lecture. Es waren 10 Autoren (Komponisten, Regisseure, Künstler) und 24 Interpreten (Musiker, Darsteller, Tänzer, Sprecher) beteiligt. Echtzeit 2002 wurde in der Presse mit eigenem Text angekündigt und gut besprochen.

Sendung „taktlos“ im ehemaligen Raum der Echtzeithalle, München, Einsteinstr. 42: Taktlos # 54, Thema: Münchener Musikprojekte. 7.6.2002 / Bayern 2 Radio, 20:05 Live aus der Echtzeithalle München.

• Die Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Theater besteht vor allem in unserem Angebot, Techniken der elektronischen und experimentellen Musik sowie unser Wissen in computergesteuerten Bühnenbild-Projektionen zu vermitteln. In diesem Zusammenhang steht der Lehrauftrag „Performance-Projekt“, die Mithilfe beim Ausbau des Carl Orff Auditoriums und die Mitarbeit in der Recherche zur Geschichte der Reaktorhalle.

35 Montagsgespräche mit Impulsvorträgen von 18 verschiedenen Künstlern, Komponisten, Wissenschaftlern. Die Teilnehmerzahl lag zwischen 15 und 60. Die Gespräche fanden vor allem im Hörsaal des Musiklabors statt. Alle Gespräche wurden von Beispielen, Projektionen bzw. Live-Aktionen begleitet. Texte zu den Montagsgesprächen siehe www.echtzeithalle.de.

Aufführung in der Pinakothek der Moderne mit „Lichträume“ in der Reihe musik der moderne punkt 11 am Sonntag 10. Nov. 2002 im Auditorium der Pinakothek als Zusammenarbeit der Echtzeithalle mit der Hochschule für Musik und Theater München.

• Die Echtzeithalle veranstaltete mit dem Forum Experimentelle Musik und Computer jeden letzten Sonntag im Monat ein Künstler-Treffen im Musiklabor zum direkten Gedankenaustausch über die künstlerische Computer-Arbeit. Aus diesen Diskussionskreis enstand das Projekt Materialausgabe.

• Die Theoriegruppe der MGNM (Münchner Gesellschaft für Neue Musik München) arbeitete in unseren Räumen regelmäßig unter anderem zur Ausarbeitung des Symposiums 2002.

• Die Trägerschaft für das Pfingstsymposion München bedeutet instrumentelle Mithilfe in der Münchner freien Kunstszene. Das Pfingstthema 2002: DAS NEUE. Aufführungen im Musiklabor München. Mehrere Berichte und Kritiken in der Süddeutschen Zeitung. Live Übertragung der Sendung „taktlos“ aus dem Orff Zentrum.

Performance-Projekt: Interdisziplinäres Arbeiten und moderne Technologien in Musik und Musikperformance. Jeden Dienstag im Carl Orff Auditorium im Musiklabor, ab Herbst 2002.

• Das Hearing 2002 mit Fragen an die freie Musik- und Performanceszene in München mit dem Schwerpunkt Musik (18. Juni 2002) ist in diesem Papier gesondernt beschrieben. Die wortgenaue Mitschrift ist im Internet nachzulesen: www.echtzeithalle.de.

Flyer Echtzeit 2002.

Glossar 2002. Ausführliche Texte, Vitae, Begriffe zur Echtzeithalle und ihren Projekten.

Jessica Billeter in prime rouge
Echtzeit 2002, 3. Oktober 2002
Carl Orff Auditorium, Musiklabor


ECHTZEIT 2002
Aufführungsreihe 3.-5. und 24.-26. Oktober 2002

Liste der Aktionen:

Do 3 Okt

20.00 prime rouge
Tanz- und Musikperformance, Text und Echtzeitfilm
Jessica Billeter, Dieter Trüstedt

21.00 VIRTUAL RE-ACTION
Performance für Kameramann, Darstellerin und DJ
Javier Andrade Córdova, Hans Wolf, Babette Dieterich, Bettina Theil

22.00 Verzogen unbekannt Schubert
szenische Lesung mit Klavier Frieder Schuller, Hans Wolf (p)

Fr 4 Okt

20.00 Triptychon
für Stimme und Diascriptor
1 Nur für Stimme 2 Nur sciptural 3 Skriptophonie – Hans Rudolf Zeller

21.00 VIRTUAL RE-ACTION
Performance für Kameramann, Darstellerin und DJ
Javier Andrade Córdova, Hans Wolf, Babette Dieterich, Bettina Theil

22.00 prime rouge
Tanz- und Musikperformance, Text und Echtzeitfilm
Jessica Billeter, Dieter Trüstedt

Sa 5 Okt

20.00 Verzogen unbekannt Schubert
szenische Lesung mit Klavier Frieder Schuller,
Hans Wolf (p)

21.00 prime rouge
Tanz- und Musikperformance, Text und Echtzeitfilm
Jessica Billeter, Dieter Trüstedt

22.00 Triptychon
für Stimme und Diascriptor
1 Nur für Stimme 2 Nur sciptural 3 Skriptophonie – Hans Rudolf Zeller

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Do 24 Okt

20.00 Lichträume
Performance für Tanz, Licht, Computerfilm und Musik
Ulrike Döpfer, Dieter Trüstedt

21.00 art lecture genetic art
Jörg Schäffer

22.00 genetic art
Neue Kammermusik für Streicher und Klavier –
Jörg Schäffer
Jill Richards (p), Graham Waterhouse (vc), Katrin Wollenweber (v), Clarissa Miller (vla)

Fr 25 Okt

20.00 Klangwelt unter der Lupe
Cello solo und Elektronik
Graham Waterhouse (vc) mit Werken von Magnus Lindberg, Kaija Saariaho, Benjamin Britten

21.00 piano point
Neue Klaviermusik aus Südafrika, U. S. A und Europa
Jill Richards (p) mit Werken von Matteo Fargion, David Lang, György Ligeti, Jörg Schäffer

22.00 Hermes Projekt 4
Video- und Musikperformance
Randolf Pirkmayer, Jörg Schäffer, Romo Dehio, Barbara Hummel et al.

Sa 26 Okt

19.00 Skizzenbuch BX
Komposition für Stimme, Schriftcharaktere
und Klavier
Hans Rudolf Zeller

20.00 genetic art
Neue Kammermusik für Streicher und Klavier –
Jörg Schäffer
Jill Richards (p), Katrin Wollenweber (v), Clarissa Miller (vla), Graham Waterhouse (vc)

21.00 Hermes Projekt 4
Video- und Musikperformance
Randolf Pirkmayer, Jörg Schäffer, Romo Dehio, Barbara Hummel et al.

22.00 Lichträume
Performance für Tanz, Licht, Computerfilm und Musik
Ulrike Döpfer, Dieter Trüstedt


Die einzelnen Beiträge werden im Folgenden beschrieben.

Video-Ausschnitte sind im Internet unter www.luise37.de.


 

Jessica Billeter in prime rouge, 3. Okt. 2002

prime rouge

zweites gemeinsames unterfangen von jessica billeter & dieter trüstedt. von grund auf stimmwegen & durchs morgenrot. wir erzählen. elektronische musik unmittelbar, musik aus texten direkt & indirekt, stimmcollagen, cinemato-graphisches, farbbilder als echtzeitfilm, lichtstraßen & bewegung gabeln sich unentwegt. 9 bodenlose geschichten aus den letzten 9 monaten. eine reise durch den hörsaal der reaktorhalle bis nach la boriette mittelfrankreich & zurück. wir bildern & wildern mit rot.

uraufführung

3. okt 2002 carl orff auditorium münchen im rahmen echtzeit 2002. weitere aufführungen am 4. und 5. okt. gefördert vom bayerischen staatsministerium für wissenschaft, forschung und kunst in zusammenarbeit mit der hochschule für musik und theater münchen.

jessica billeter

geb. ‘68 in zürich, an der royal ballet scholl in london ausgebildet, seither querbeet als tänzerin engagiert. seit ‘98 im ballett nürnberg. u.a. „molly sweeney“ von yoshi oida & stijn celis, „emma goldmann“ von daniela kurz, „una furtiva lagrima“ von jo stromgren, „genesis sequence.one“ gemeinsam mit dieter trüstedt, alexander schilling und hans wolf in der reaktorhalle münchen und eigene choreographien 2002 u.a. „reste von rosa“ mit riikka läser, „mush rooms 4422“ ein cage abend mit riikka läser & NewEars Ensemle im ZKM.

dieter trüstedt

geb. ‘39 in berlin, studium der physik und promotion an der TU mün-chen, forschung, festkörperphysik, physik-department münchen. seit ‘73 freiberuflich als forscher am und künstler mit dem material klang und licht – und allg. kulturarbeit. entwicklung von elektronischen und akustischen musikinstrumenten. produktionen mit ulrike trüstedt, angela dauber, ulrike döpfer, jessica billeter und yoshi oida. u.a. experimenta IV frankfurt, internat. ferienkurse für neue musik darmstadt, stedeljik museum amsterdam, wdr köln, pro musica nova bremen. licht-kunst projekte u.a. berlin. aufbau der echtzeithalle münchen. lehraufträge hdk Berlin, universität ulm, musikhochschule münchen.

Bild zum CD Deckblatt

jessica billeter texte stimme tanz
dieter trüstedt musik film technik

mitschnitt der Uraufführung
vom 3. Oktober 2002
als Audio-CD erhältlich bei Dieter Trüstedt
www.luise37.de

edition echtzeithalle münchen
luisenstr. 37a 80333 münchen
www.echtzeithalle.de


Verzogen unbekannt Schubert

Frieder Schuller
Hans Wolf (p)

Szenische Lesung mit Klavier. Die beiden Sommer 1814 und 1824 musste Schubert einmal keine Sorgen um den Alltag haben, er lebte in Ungarn auf des Grafen Esterhazy Schloß Szelisz, gab den Komtessen Klavierstunden und hielt die Augen offen. Seine Briefe an die Freunde in Wien beweisen das. Nun, er hätte auch Tagebücher schreiben können, er tat es jedoch in seiner so beredten Musik.

Hans Wolf in „Verzogen unbekannt Schubert“
von Frieder Schuller im Carl Orff Auditoriume 3okt03

Wie spielte sich das äußerlich überschaubare Leben eines nicht weiter bemerkenswerten Musiklehrers auf dem Lande ab, welche Zeichen, Laute, Farbkleckse oder Zwischenfälle fielen ins Notenpapier, um heute als erhabene Opuszahlen durch die Konzertsäle zu schweben?
Schloss Szelisz war zu Schuberts Zeiten vierzehn poststationen von Wien entfernt, gegenwärtig ist es mit dem Auto eine Tagesreise bis zum verfallenen Schloss in der heutigen Slowakei. Die Besuche des Lyrikers Frieder >Schuller in der Musik und im kargen Leben Schuberts wurden zu einer Art Sucht, die auch im Gedichtzyklus franz schuberts nicht geschriebene und nicht verlorene tagebuchseiten auf schloss szelisz zum Ausdruck kommt. Hans >Wolf am Klavier führt auf seine Weise hinein in das Unsagbare, in die Klangwelt Schuberts.

Uraufführung am 3. Oktober 2002 im Carl Orff Auditorium, Musiklabor


VIRTUAL RE-ACTION

VIRTUAL RE-ACTION performance für Kameramann, Darstellerin und Dj mit Javier Andrade Córdova, Hans Wolf, Babette Dieterich und Bettina Theil Uraufführung in der Reaktorhalle am 3. Okt. 2002

In einer Welt der zunehmenden Virtualität ist der Umgang mit Medien zur Aufnahme und Übertragung von Bildern ein Verfahren, das sich längst zu einem ganz alltäglichen kollektiven Mittel der Wahrnehmung von der Welt und der Kommunikation entwickelt hat. Im Mittelpunkt von VIRTUAL RE-ACTION steht das ganz durchschnittliche Mittel dieses Verfahrens: eine Videokamera. Diese dient zugleich als Sender von Information aber auch als Überwachungsinstrument. In der Welt der virtuellen Bilder, die mit der Kamera erzeugt werden, befindet sich ein Mensch

Cordova, Javier Andrade

Staatliches Diplom als Theater- und Opernregisseur an der Bayerischen Theaterakademie und Hochschule f. Musik und Theater, München, ‘93–‘97: Regie-Seminare bei P. Zadek, J. Flimm, D. Pountney, A. Reinhardt, J.P. Lecat, ‘93–‘94: Regie-Praktikant an der Bayerischen Staatsoper, München, ‘96: Stipendium der Bayerischen Theaterakademie, ‘97: Stipendiat der Schwäbischen Kunstakademie, seit ‘99: Dozent für Regie und Schauspiel, Leiter der Improvisations- und Performance-Werkstatt an der Athanor Theater- und Filmakademie, Burghausen, seit ‘95: tätig als selbstständiger Regisseur, Video- und Performance-Künstler in interdisziplinären Projekten.

Babette Dieterich

Auftritte im klassischen Bereich, mit improvisierter Musik, Performance und dem eigenen Programm Femme Totale, deutsche Chansons der 90er. Lesungen und Teilnahme an Poetry Slams.


Lichträume

Performance für Tanz, Licht, Computerfilm und Musik
Ulrike Döpfer und Dieter Trüstedt
Uraufführung am 24. Oktober 2002
im Carl Orff Auditorium, Musiklabor München

Ulrike Döpfer, Probenaufnahme zu Lichträume
Foto: Dieter Trüstedt
Die Aufnahme entstand im Auditorium der Pinakothek der Moderne 10nov02

Die Bildsprache der Lichträume steht bewusst in der Tradition von Konstruktivismus und Bauhaus: Licht und Schatten werden zum Thema. Gegenläufig zur gängigen Medienästhetik liegt der Reiz dieser Performance in der strengen Reduktion der gestalterischen Mittel.
Der abstrakte Schwarzweißfilm mit einfachen geometrischen Formen und Überschneidungen kontrastiert das projizierte Schattenbild der Tänzerin. Die Choreographie bezieht sich auf die Urerfahrung des Spiels mit dem Schatten, auf die Doppelexistenz Körper-Schatten, Mensch-Abbild, Subjekt-Objekt. Die Ausformungen der Bilder durch den Tanz, die Flüchtigkeit der Formen im Zusammenspiel mit spontanen akustischen Kommentaren bilden das künstlerische Potential.
Die Mittel der modernen Technologie – Computer, Programm, Datenprojektion, Elektronik – dienen dem sinnlichen Ausdruck, der nicht ausschließlich auf der Seite des Körperlichen und Komplexen, sondern durchaus auch auf der Seite der Abstraktion wahrzunehmen ist.

Computerfilm, elektronische live Musik, Shakuhachi
Arbeitsplatz Dieter Trüstedt zu „Lichträume“ 26okt02


Süddeutsche Zeitung
Münchner Kultur / 26. Okt. 2002

Echtzeit 2002
Werde Klang

Unter die vielfachen Aktivitäten in Sachen neuer und experimenteller Musik in München fügt sich mit eigenem Profil das von Dieter Trüstedt maßgeblich verantwortete Echtzeit-Festival ein, das in zwei Blöcken in der Reaktorhalle der Musikhochschule veranstaltet wurde. Verknüpfung musikalischer Aktionen mit Bild, Tanz, Literatur, Medienkunst und wissenschaftlichen Denkansätzen ist angesagt. Mit Aufführungen von Dieter Trüstedt (mit der Tanzperformerin Ulrike Döpfer) sowie von dem Biochemiker und Musiker Jörg Schäffer konnte man direkte Einblicke in den Diskussionsstand des Vereins Echtzeithalle nehmen.
Da war zunächst die Tanz- und Musik- und Computerfilm-Performance „Lichträume“, ein ausgesprochen kreatives Schattenspiel vor geometrisierten Hintergrund, dem die Bewegungen von Körper und Schatten auf ganz eindringliche Art dreidimensionales Leben einhauchten. Rechteck kontra menschlicher Körper, farbige Schattenüberschneidungen, die Konfrontation von in Obertönen vibrierenden Shakuhachi-Klängen mit elektronischer Musik stellten einen multiperspektivischen Raum her. Trüstedt und Döpfer haben schon öfter zusammen gearbeitet, die „Lichträume“ reihen sich als vielleicht am meisten ausgereiftes Projekt in diesen schöpferischen Prozess.
Problematischer wirkte hingegen Jörg Schäffers Art Lecture nebst Aufführungsbeispielen zum Begriff Genetic Art. Er unternahm den Versuch, die auf vier Bausteinen beruhenden DNA-Informationscodes einfacher Organismen in Musik umzusetzen. Gespeicherte Erbmasse wird über definierte Zuordnungen in Klang transferiert. Heraus kamen solistische Stücke oder Duos für Streicher und Klavier. Heraus kam aber auch, und hierfür ist die Art der Zuordnung und der künstlerischen Eingriffe verantwortlich, eine Musik, die die Unschuld der genetischen Vorlage in konventionellen Klang der Musik des letzten Jahrhunderts übersetzte.

REINHARD SCHULZ


genetic art

Jörg Schäffer

Vertonung viraler und plasmidischer, linearer und zirkulärer, sowie einzel- und doppelsträngiger DNA- und RNA-Moleküle als Duos für Klavier und Streicher, sowie für Solo-Streicher von Jörg Schäffer.

Klavier: Jill Richards,
Violine: Katrin Wollenweber,
Viola: Clarissa Miller,
Cello: Graham Waterhouse.

Im Vertonungsvorgang werden die Ketten (im vorliegenden Fall ca. 800 bis 1.200 Nukleotide) zunächst segmentiert. Dabei wird bereits ein Zeitschema erhalten, in dem die „individuellsten“ Segmente zuerst, die „allgemeinsten“ Segmente der Sequenz zuletzt angeordnet sind. In einem zweiten Schritt werden sehr kurzen Nukleotid-Folgen (2, 3 oder 4 sog. Basen) charakteristische Intervalle bzw. Intervallfolgen zugewiesen. Die jeweilige Intervallrichtung und die Dynamik des Stückes – zentrale Gegenstände der künstlerischen Auseinandersetzung – werden nach tonalen, musikdramaturgischen und instrumentalen Gesichtspunkten und Grenzen festgelegt.
Genetic Art versteht sich auch als Spezialisierung der Scientific Art, deren Ziel die ästhetische Überprüfung wissenschaftlicher Sachverhalte ist. Genetic Art lässt sich von mehreren Seiten her definieren:
1. Genetisches bzw. gentechnisches Arbeitein, wie z.B. Klonieren kann als ästhetischer Vorgang zur Erzeugung einer besonders „schönen„ Nukleotidsequenz, eines besonders „schönen„ Proteins, eines besonders „schönen“ biochemischen Regelkreises oder eines besonders „schönen„ Lebewesens aufgefasst werden. Die Vermittelbarkeit der Ergebnisse und die ethischen Implikationen bleiben zunächst unberücksichtigt.
2. Die Nutzung biologischer Äusserungsformen genetischer Information (z. B. Fingerabdrücke, Haar-, Hautfarbe oder -falten etc.) als künstlerisches Material.
3. Die Nutzung der Formangebote genetischer Information. Die vorliegenden Vertonungen beziehen sich auf diesen 3. Punkt. Materialvorgabe dabei sind die in der wissenschaftlichen Literatur vorfindbaren Nukleotid- und Proteinsequenzen, die als Buchstabenketten variabler Länge (von ca. 300 bis einige Millionen) publiziert werden.

Jill Richards und Graham Waterhouse in
genetic art von Jörg Schäffer
Uraufführung: 24. Oktober 2002 Carl Orff Auditorium
Foto: Dieter Trüstedt


Hermesprojekt – ein Prozess

konzept & idee: randolf pirkmayer, jörg schäffer
raum & projektion: randolf pirkmayer, jörg schäffer, barbara hummel
bratsche, violine: randolf pirkmayer
klavier, akkordeon: jörg schäffer
cello: romo dehio

Sowohl ein fortlaufendes experimentelles Arbeitsfeld visueller und akustischer Präsentation als auch wortspezifisch den ZeitRaum von den Olympiern bis hin zum Aufbruch in neue Dimensionen und vor allem den aus Überschneidungen und Unschärfen sich ergebenden Situationen und Ortsereignissen bestehendes Projekt.
Metaphern- und collagenartige Bilder werden bewusst derart offen behandelt, dass sich bei jedem einzelnen Betrachter sein, von der eigenen Phantasie gesteuertes Bild einstellen kann.
Elemente aus Performances und Installationen zehnjähriger Tätigkeit fließen unbemerkt ein und stellen einen unbewusst sich mehr und mehr verdichtenden Raum her. Visuelle und akustische Form ergänzt sich oft auch im Kontrast. Statische, zeitlose Installation überlagert Geräuschereignis. Patternform – akustisch wie visuell – versöhnt sich mit der geschwätzigen Vergänglichkeit.

Hermes Projekt 4
Uraufführung 25. Oktober 2002, Reaktorhalle
VideoCapture: Bernhard Thurz


Hans Rudolf Zeller

Skizzenbuch BX

Schon die Klavierartikulation für Erlangen ‘90 wies Züge eines „öffentlichen Komponierens am Flügel„ auf, damals allerdings nicht ohne mithilfe der Projektionen eines Diascriptors (oder Overheadprojektors). Im Skizzenbuch BX sind derlei Züge jedoch kaum mehr zu übersehen, stellt es sich doch als großformatiges, zudem gut beleuchtetes Heft auf dem Notenpult dar, auf dessen Papierflächen jeder Hörer mitverfolgen kann, wie die Komposition Schritt für Schritt oder vielmehr Blatt für Blatt entsteht. Jederzeit kann notiert werden, was eben noch scheinbar nur probeweise gesprochen oder gespielt wurde. Und dieses Notieren oder Fixieren, also Schreiben ist selber eine auffallende, geradezu dramatische Aktion, wie übrigens schon das sonst eher lästige Umblättern.

Triptychon

1. Nur für Stimme
2. Nur scriptural
3. Sciptophonie

Jeder Text ist zweistimmig, gruppiert Buchstaben, die zugleich Laute sind, strukturiert Visuelles, das zugleich Klangliches bedeutet. Im Triptychon ist dieser Fall erst im dritten Stück vorgesehen, einer „Musica scriptophonica„ oder scriptophonischen Musik, in der umfassend demonstriert werden mag, was sonst nur verkürzt und gefiltert wiedergegeben wird. Die ersten beiden Teile hingegen spezialisieren sich einerseits auf den klanglichen und andererseits auf den visuellen Aspekt des Sprachprozesses. Dabei kann es zu unvermuteten Bedeutungsänderungen kommen, denn plötzlich ist der Stift nicht mehr nur Stift, sondern vielleicht ein Taktstock, der die befreiten Laute zu dirigieren sucht, statt nur auf sie hinzuweisen. Um so weniger lässt sich die Schrift beruhigen, beginnt zu zittern und zu gestikulieren.

Hans Rudolf Zeller in Skizzenbuch BX
Uraufführung 26. Oktober 2002 Carl Orff Auditorium
Foto: Dieter Trüstedt



Taktlos # 54

Münchener Musikprojekte

7.6.2002 / Bayern 2 Radio, 20:05 bis 21:00 Uhr – Live aus der Echtzeithalle München

Von der freien Musikszene München zu sprechen, dürfte bald heißen, über ein Phantom zu reden. Denn die dem Kulturreferat überproportional aufoktroyierten Sparmaßnahmen führten dazu, dass an Geldern für freie Projekte mehr einzusparen wäre, als überhaupt vorhanden ist. Hier aber ist der Humus für eine Kultur, die sich nicht nur als Lakai einer Vergnügens- und Spaßgesellschaft versteht. Vielleicht steckt hinter dem Streichmaßnahmen sogar Kalkül: Das Unbequeme vor die Mauern der Stadt!
taktlos-Moderator Theo Geißler und seine Gäste diskutieren über „Münchener Musikprojekte“.

Lydia Hartl   Kulturreferentin der Stadt München
Florian Roth   Vorsitzender der „Grünen“ in München
Georg Eisenreich   Stadtrat der CSU in München
Wolf-Dieter Trüstedt   “Erfinder“ der Echtzeithalle

siehe: www.nmz.de/taktlos/2002/takt54.shtml


Montagsgespräche im Musiklabor

sind öffentlich und finden wöchentlichs seit 1999 statt - jetzt im Hörsaal des Musiklabors der Hochschule für Musik und Theater in München; sie werden von Echtzeithalle e.V. organisiert.

Ausführliche Ankündigungen siehe:    www.echtzeithalle.de

Die ausgewählten Themen der Impulsvorträge sind aus erster Instanz, also von Beteiligten – vor allem Künstler. Die Montagsgespräche thematisieren weniger die Inhalte der zur Zeit populären Event- und Hochglanzkultur als vielmehr die Kunst als Werkzeug der Erkenntnis und des Verstehens unserer Welt – ein anspruchsvolles Werkzeug, das wir durchaus als gut gepflegt und geschärft verstehen, das dennoch jederzeit in seiner Funktions- und Wirkungsweise hinterfragt, neu durchdacht und vor allem eingesetzt werden muss.


Die Montagsgespräche 2002 hatten die Themen:

• 4jan02 81. Dieter Trüstedt Elektronische Musik 1950/60 Historische Aufnahmen von Luciano Berio, Jannis Xenakis, György Ligeti und Franco Evangelisti • 21jan02 82. Roger Kausch Aspekte des Erlernens, der Aufführpraxis, der Komposition und der musikalischen Struktur balinesischer Gamelan-Musik • 28jan02 83. Randolf.pirkmayer@gmx.net schneidend geigen, eine akustische diskussion • 4.feb02 84. Peter Neubäcker Die Befreiung des Klangs von Tonhöhe und Zeit • 18feb02 85. Hans Rudolf Zeller Franco Evangelisti und Nuova Consonanza • 25feb02 86. Jessica Billeter und Dieter Trüstedt genesis-sequence.one Video-Dokumentation aus Echtzeit 2001 • 4mrz02 87. Jens Groh Chaosmaschine - ein spielerisches Klangexperiment mit Mathematik und Elektronik • 11mrz02 88. Dieter Trüstedt Zeitbänke • 18mrz02 89. Hans Wolf Der Interpret als Autor • 25mrz02 90. Roger Kausch Einfluß der balinesischen Gamelan-Musik auf die europäische Musik des 20. Jahrhunderts Teil 2 der interkulturellen Begegnung mit Bali • 8apr02 91. randolf pirkmayer das experimentelle im experiment versuch eines experimentes • 15apr02 92. Jörg Schäffer, Randolf Pirkmayer, Bernhard Thurz et al. Hermes-Projekt Dokumentarischer Video-Film • 22apr02 93. Dieter Trüstedt Klanglandschaften •

Zeitgenössische Musik in Indonesien, Dieter Mack 108. Montagsgespräch, Carl Orff Auditorium Musiklabor der Hochschule für Musik und Theater München 28. Oktober 2002
Aufnahmen (aus 2 Aufnahmen zusammengefügt): Dieter Trüstedt

29apr02 94. Ulrike Trüstedt Pfingstsymposion München 2002 Vorschau • 6mai02 95. Ulrike Döpfer Die Kunst anzufangen - Fragen zu Grotowski • 13mai02 96. Frieder Schuller Festivaldurcheinander in Katzendorf • 27mai02 97. Markus Huber Manhattan Research Inc. - 1950s & ’60s • 3jun02 98. Jörg Schäffer Aspekte zur Vertonung von Dezimalbrüchen • 10jun02 99. H. R. Zeller Musik der anderen Tradition: Mikrotonale Tonwelten • 17jun02 100. Die Zukunft der Musik und Performance in München Vorgespräch zum Hearing 2002 • 24jun02 101. Echtzeithalle e.V. Nachbesprechung: Hearing 2002 - Musikprojekt München • 1jul02 102. jörg schäffer, randolf pirkmayer schnee von morgen • 8jul02 103. Tasso Springer Physik und Physiologie von Konsonanz und Dissonanz • 15jul02 104. Roger Kausch Kulturaustausch - Projekt Bali-Basel 1998 • 22jul02 105. Dieter Trüstedt, Ulrike Döpfer Schattenkomposition - eine öffentliche Probe • 14okt02 106. Graham Lack Klangwelt unter der Lupe. Im Rahmen Echtzeit2002 und Britten & Beyond • 21okt02 107. Vom Zauber der visuellen Musik. Exkursion ins Multimediaprojekt der Filmkompositionsklasse Prof. Dr. Enjott Schneider. Exkursionsleitung: Dieter Trüstedt & Jörg Schäffer • 28okt02 108. Dieter Mack Zeitgenössische Musik in Indonesien. Zwischen lokalen Traditionen, nationalen Verpflichtungen und internationalen Einflüssen • 4nov02 109. Jörg Schäffer Echtzeit 2002 Reflexion und Richtung • 11nov02 110. Michael Kopfermann Großtakt und, daß das kontrapunktische Prinzip am Ort impliziert werde • 18nov02 111. Alma Larsen und Dieter Trüstedt Die Beweglichkeit der Wörter oder Wörter ohne rechten Winkel • 25nov02 112. Jörg Schäffer und Dieter Trüstedt Farbe - Musik - Form - eine Diskussion • 2dez02 113. Dieter Trüstedt Konkrete Fragen an die elektronische Musik • 9dez02 114. Jutta Köhler Das Ohr • 16dez02 115. Ulrike Döpfer Über das Performative Versuch einer Standortbestimmung


musik der moderne punkt 11


LICHTRÄUME


performance schattenkomposition tanz
echtzeitfilm akustische und elektronische musik
ulrike döpfer
dieter trüstedt


PINAKOTHEK DER MODERNE MÜNCHEN


sonntag 10nov02 um 11 uhr münchen barerstraße 40 im
Auditorium zusammenarbeit der echtzeithalle mit der
hochschule für musik und theater münchen

Schattenprojektion: Ulrike Döpfer
Computerfilm und Aufnahme: Dieter Trüstedt


13. Pfingstsymposion München

DAS NEUE

Donnerstag 23. - Samstag 25. Mai 2002

Die Echtzeithalle e.V. ist Träger des Pfingstsymposions. Die konzertanten Aufführungen fanden im Carl Orff Auditorium in der Luisenstr. 37a statt - in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Theater.

DAS NEUE
ist gefragt, die allerneuesten Kommunikationsmittel, neueste Strategien, neueste Daten und Ergebnisse, und das alles im Superlativ. Eine beinahe inflationäre Nachfrage beherrscht die unterschiedlichsten Szenen und macht auch vor dem Kulturbetrieb nicht Halt. In dieser ekstatischen Rastlosigkeit wünscht man sich „den rasenden Stillstand“.

Das Pfingstsymposion hinterfragt diese utopisch anmutende Situation. Ist DAS NEUE wirklich neu, oder erscheint es nur als solches und löst eine Welle von Erwartungen aus, die ihrerseits ein großes Aktivitäts- und Energiepotential verströmt, das zu Dynamik führt und zugleich Leben perpetuiert, pulsieren lässt. Vielleicht befinden wir uns permanent in einem Wartesaal, das Alte im Gepäck ... und wissen nicht, dass Neues nur da hervorkommt, wo Vorhandenes und Vergessenes miteinander verknüpft werden, wo Kompost wieder zu Humus wird, wo Fehler gemacht und Sicherheiten verlassen werden. Fragen nach den Ressourcen für Neues, der Begehrlichkeit nach Neuem, auch seine Vergänglichkeit und Theatralisierung sind Schlaglichter, die zur Diskussion stehen und sowohl Neugierde wecken als auch unkonventionelle Antworten anregen möchten.

Das wirkliche Neue – ist es das, was nie formuliert wird? Wie Anton Webern aus kompositorischer Sicht sagte: „Neue Musik ist jene, die nie gesagt wurde. – Dann wäre Neue Musik ebenso das, was vor tausend Jahren war, wie das, was jetzt ist, nämlich: Solche Musik, die als eine noch nie gesagte erscheint.“

Die Frage bleibt, die typischerweise ein großer Physiker, Heinz Maier-Leibnitz, stellte: Wie kommt man auf „einfaches Neues“?

WebOfLife Art Lecture: Torsten Belschner
Orff-Zentrum München, 24. Mai 2002
berichtet über die Arbeit am ZKM Karlsruhe

 

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Süddeutsche Zeitung 22. Mai 2992

Wind, Feuer und Heiliger Geist
Das Pfingstsymposion will „Das Neue“ in der Musik erforschen

Rastlos sucht die Kunst nach dem noch nie Dagewesenen. Warum eigentlich? „Das Neue“ in der Musik ist das Thema des diesjährigen Pfingstsymposions: das Entstehen von Neuem und die davon ausgehende Faszination; die Verbindungen zum Alten, auf dem das Neue aufbaut und zu dem es unweigerlich selbst wird. Der Musikwissenschaftler Elmar Budde spricht zur Eröffnung am Donnerstag, den 23. Mai (20 Uhr, Schweisfurth-Stiftung, Südliches Schloßrondell 1) in Nymphenburg über das Neue als die seit dem Frühbarock zentrale Wertkategorie des musikalisch-ästhetischen Denkens. Theorie und Praxis verbinden die Veranstaltungen im Orff-Zentrum (Kaulbachstraße 16): Torsten Belschner stellt am 24. Mai um 18 Uhr interaktive Installationen vor und diskutiert um 20 Uhr mit Max Nyffeler, Reinhard Schulz, Hito Steyerl und Budde über Produktion und Rezeption von Neuer Musik.

Die visuellen Möglichkeiten der Neuen Medien werden am 25. Mai ausgelotet: Pedro Pablo Arroyo Alba untersucht am Beispiel Tokios die Veränderungen heutiger Stadtlandschaften durch neue Technologien (15 Uhr), der Videokünstler Peider A. Defilla demonstriert an seinen Werken „foot-age“ und „Donaumusik“ die durch die Neuen Medien möglich gewordene Erweiterung des künstlerischen Spielraums (16 Uhr). Die theoretische Chemikerin Jutta Köhler, der Kunstwissenschaftler Peter Stepan und der Publizist Wilhelm Warning sind um 17 Uhr die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion über Ressourcen und die Theatralisierung des Neuen. Auf die Abwägung von gesellschaftlichem Nutzen und Schaden des Neuentdeckten soll dabei ebenso hingewiesen werden wie auf die außereuropäische Sicht von künstlerischer Innovation und die Vielfalt dieser Kulturen, die einer Ästhetik folgen, die von der unseren tiefgreifend abweicht.

Ein Crossover aus chinesischer und zeitgenössischer westlicher Musik beschließt das Symposium (21 Uhr, Musiklabor, Luisenstraße 37a): Hongyu Cheng musiziert auf dem chinesischen Saiteninstrument Guqin, der Gitarrist Stefan Stiens spielt Vermillion Sands, Moritz Eggert trägt aus seinem Zyklus „Hämmerklavier“ vor und Ulrike Trüstedt, Veranstalterin des Symposiums, führt eine Neubearbeitung ihres Klangrituals „Ich bin Wind und du bist Feuer“ für Live-Elektronik und Stundenbild auf (Telefon 272 18 56).
SEBASTIAN WERR

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Medienberichterstattung:

Süddeutsche Zeitung, Münchner Kultur 8mrz02
neue musikzeitung, nmz, apr02
Wissenschaftsblatt München mai02
Literaturblatt München mai02
AZ, München, Kultur, 21mai02
Süddeutsche Zeitung, Service 22mai02
Süddeutsche Zeitung, SZ Extra, 23mai02
Süddeutsche Zeitung, Münchner Kultur, 23mai02
Süddeutsche Zeitung, Münchner Kultur, 27mai02
Radio Lora, Kultur, 26mai02
B2Radio, Sendung taktlos 24mai02 20 Uhr
BR, Musik Aktuell, 28mai02 18.45 Uhr
Deutschlandfunk Köln, Musikjournal, 27mai02

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Süddeutsche Zeitung 27. Mai 2002

Kanon des Gebotenen
Neue Kunst und ihre Vermittlung:
Nachdenken beim Pfingstsymposion


Warum klingt Neue Musik häufig so scheußlich? Das 13. Münchner Pfingstsymposion gab hierauf Antworten. Mit „Das Neue“ hatte Veranstalterin Ulrike Trüstedt einen Kernpunkt unserer heutigen Kultur herausgegriffen: Was nicht neu ist, taugt nichts! Letztlich unterliegt die Avantgarde dabei denselben Denkmustern wie die Werbung, die suggeriert, dass nur das allerneueste Waschmittel nicht nur sauber, sondern rein wäscht. Wirklich neu wäre vielleicht eine „Abkehr von der Versklavung auf das Neue“, die der Sounddesigner Torsten Belschner anregte - anderen Kulturen ist die Fixierung auf das Neue ja durchaus fremd.

Zur Eröffnung dachte der Musikwissenschaftler Elmar Budde über grundsätzliche Mechanismen von neuer Kunst nach, die er als Sehnsucht nach gesellschaftlichen Verbesserungen deutet. Stilistische Umbrüche entstehen, weil nachfolgende Generationen sich von der älteren abgrenzen wollen; am radikalsten in der seriellen Musik, die Tabula rasa mit der durch die NS-Zeit als diskreditiert angesehenen Tradition machte. Die alleinige Konzentration auf die Neuartigkeit des musikalischen Materials hat sich für Budde aber als Sackgasse herausgestellt, der für das hörbare Resultat als Maßstab kompositorischer Tätigkeit plädiert. Die bewusste Vermeidung all dessen, was durch die Verwendung bei den Vorvätern bereits semantisch besetzt ist, also die Herausbildung eines „Kanon des Verbotenen“ (Adorno), erweist sich als mögliche Ursache für die von den Publizisten Reinhard Schulz und Max Nyffeler kritisierte Kluft, die einen Großteil der Kunstmusik des 20. Jahrhunderts vom Publikum trennt und die dazu führte, dass in den letzten Jahrzehnten das musikalisch Neue vor allem in der Alten Musik gesucht wurde. Unterhaltung lebt ja vom gezielten Einsatz des affektiv Besetzten: Das Wiedererkennen löst Emotionen aus und weckt Erwartungen, wie das Stück weitergehen kann, die dann nach gewissen Spielregeln bestätigt oder enttäuscht werden. Dass Hollywood, wie die Dokumentarfilmerin Hito Steyerl unterstrich, die Möglichkeiten der Neuen Medien nur einsetzt, um bekannte Geschichten immer wieder neu zu erzählen, begründet sich wohl durch die Wahrnehmungsgewohnheiten des Publikums, die wirklich Neuem entgegenstehen. Wie man neue künstlerische Inhalte, die die Orientierung in der sich verändernden Welt erleichtern können, umzusetzen vermag, darauf konnte das Symposion aber keine Antwort geben.

SEBASTIAN WERR

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Eröffnungsvortrag zum 13. Pfingstsymposion
in der Schweisfurth-Stiftung am 23. Mai 2002
Begrüßung: Max Nyffeler
Vortrag: Elmar Budde: „Neu oder modern?“

Podiumsdiskussion live in Bayern2Radio -
eine Extra-Ausgabe des Musikmagazins „taktlos“
Redaktion Wolf Loeckle
Co-Produktion mit der Neuen Musik Zeitung
„Haben Sie etwas Neues?“ Moderation: Theo Geißler
Im Vordergrund: Elmar Budde, Hito Steyerl,
Torsten Belschner
Orff-Zentrum München 24. Mai 2002 20.05 Uhr
Im Hintergrund: Interaktive Lyrik

Interaktive Lyrik
während der Extra-Ausgabe des
Musikmagazins „taktlos“ live in Bayern2Radio
Alma Larsen: Text und Stimme
Dieter Trüstedt: Musik und interaktive Kunst
Orff-Zentrum München, 24. Mai 2002

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Samstag 25. Mai 2002 21 Uhr
Musiklabor München Luisenstr. 37a
Carl Orff Auditorium
Konzert

Moritz Eggert:
Hämmerklavier 12 – Highway 61
Zu Eggerts bekanntesten Werken gehört der Klavierzyklus „Hämmerklavier“. Uraufführung April 2002 in Pristina, Kosovo
Moritz Eggert, Klavier

Vermilion Sands von Moritz Eggert
für zwei Gitarren und einen Gitarristen – ausgefallene Skordatur, viele Spezialeffekte. Wird zum Teil auf zwei Gitarren gleichzeitig gespielt.
Stefan Stiens, Gitarre

Hongyu Cheng spielt das Guqin
Zurück zur Natur, Strömender Fluss, Schöne Nacht
In der klassischen chinesischen Musik wurde schon vor 3000 Jahren das Guqin gespielt, ein Saiteninstrument mit sieben freien Saiten. Es ist das Instrument der Maler, Dichter, Philosophen und Beamten, das seit je als Soloinstrument gespielt wird. Vertonte Gedichte und Naturimpressionen bestimmen die traditionelle Guqin-Musik.
Hongyu Cheng, Guqin

Ulrike Trüstedt
„Ich bin Wind und du bist Feuer“ (Rumi)
Klangritual für drei Rohrblattinstrumente im Grundton
Uraufführung pro musica nova, Radio Bremen, 1984
Neubearbeitung 2002:
Live-Elektronik und Stundenbild (Raps-Felder, 2002)


Performance-Projekt

Interdisziplinäres Arbeiten und moderne Technologien in Musik und Musikperformance

Ulrike Döpfer, Dr. Jörg Schäffer und Dr. Wolf-Dieter Trüstedt

Im Verlauf des Semesters werden Stücke erarbeitet, die als „work in progress“ aufgeführt und dokumentiert werden. Die Stücke sind in Form und Material interdisziplinär.
Einführung in das praktische Arbeiten und in die theoretischen Grundlagen im Zusammenhang mit:
Instrumentaler, elektronischer und digitaler Musik, Musik- und Bewegungsimprovisation, dem menschlichen Körper im Raum, dem Computerfilm und dem virtuellen Bühnenbild.
Das Performance-Projekt richtet sich an alle Studierenden der Hochschule für Musik und Theater
München. Bei qualifizierter Mitarbeit können Scheine vergeben werden. Die Teilnehmerzahl ist max. 12.

Projekt-Zeitplan

1. Die Performance in der Musik – Einführung in das interdisziplinäre Arbeiten mit Beispielen
2. Grundlagen der Bewegungsimprovisation im interdisziplinären Kontext: Imagination,
Bild und Form. Rhythmische Strukturen und Timing.
3. C-Sound und Elektronische Musik Einführung und praktische Übungen
4. Virtuelles Bühnenbild und Computerfilm, Körper und Raum, Urbild und Abbild
5. Improvisation, Video-/Ton-Mitschnitt und Besprechung
6. Drehbuch, Entwurf, Disposition
7. Proben zu einzelnen Bildern (Bewegung, Bild und Musik)
Konkretisierung, Vertiefung, Notationsskizzen
8. Proben zur Aufführung
9. Aufführung der Stücke und Gespräch
10. Schriftliche Berichte. Nachbereitung und Kritik. Dokumentation.

Zeiten: Dienstags 17-20 Uhr im Carl Orff Auditorium, Luisenstr. 37a.
Montags 18-19 Uhr Sprechstunde nach Rücksprache.
Kontakt: Musiklabor, Luisenstr. 37a Tel 289 27 477 (8-14 Uhr) oder
Dr. Wolf-Dieter Trüstedt, Agnesstr. 39, 80798 München, Tel 272 18 56, Fax 271 73 30
dieter.truestedt@echtzeithalle.de
Links: www.echtzeithalle.de oder www.luise37.de

Dagmar Dehio Performerin
Sonja Hafenmayer Bewegungskonzept
Roger Kausch paperwork
Nirvana Marinho Bewegungskonzept
Randolf Pirkmayer Performer
Jörg Schäffer Computermusik
Ferdinand Strixner feedback
Dieter Trüstedt Computerfilm

Probenaufnahme:
Tag der offenen Tür Hochschule für Musik und Theater München
Arcisstraße 12 Lichthof Mittwoch 5. Februar 2003 12.45 Uhr


Hearing 2002

Dienstag 18. Juni 2002 20 Uhr Eintritt frei Hörsaal der Reaktorhalle Luisenstraße 37a
Realisation:
Echtzeithalle e.V. in Zusammenarbeit mit der Hochschule für
Musik und Theater München

Fragen an die freie Musik- und Performanceszene in München

• Wie sieht das Aufgabenprofil der freien Kunstszene in einer Kommune aus? Neben der „ernsten künstlerischen Tätigkeit“ garantiert die Kommune nach ihrer Verfassung auch die Förderung der „kulturellen Tätigkeit des schöpferischen Künstlers“. Welches Aufgabenprofil ist damit gemeint?
• Die Ursprünge der Musikwerke, die in der Münchner Hochkultur in bester Qualität repräsentiert werden, kommen aus einer lebendigen kulturellen Vergangenheit. Wo ist heute diese schöpferische kulturelle Lebendigkeit angesiedelt und wie lauten heute ihre Ideen, Themen und Projekte? Welche künstlerischen Prozesse werden zur Zeit in München engagiert verfolgt und diskutiert?
• In einer freien (nicht institutionalisierten) Kunst setzt der Künstler seine Ziele und Projekte gemäß seinen Ideen und Visionen selbst. Wer sind die finanziell fördernden Partner einer freien ernsten künstlerischen Arbeit? Ist es die Kommune, ist es der Staat, sind es Förderer aus der freien Wirtschaft und/oder sind es Stiftungen? Welche Projekte können zur Zeit nicht realisiert werden, weil sie keine Förderer gefunden haben?
• Wie und in welchem Umfang sollte die Kommune hier fördernd tätig sein? Reicht ein Tausendstel des Betrages, den die Stadt München für die gesamte Musikförderung bereitstellt, für die angesprochene freie Kulturarbeit aus? Sind die 7 Prozent, die die freie Wirtschaft für ihre eigene Forschungs- und Entwicklungsarbeit einsetzt, eine vergleichbare Größe?
• Es gab Zeiten, in denen Musik, Theater, Malerei und Literatur gut trennbare Bereiche der Kunst waren. Wie lassen sich heute Musikperformance, Konzert- und Performanceinstallationen, Tanzperformance, Art Lectures, Graphische Computermusik, „Art and Technology“, Echtzeitfilm, Klangskulpturen, Medien- und Internetkunst in diese Sparten einteilen?
• Fühlen Sie sich als freier Künstler vom Münchner Kulturreferat angenommen und in einer der Fachbereiche repräsentiert? Sind die kommunalen Förderinstrumente treffend, effektiv, ausreichend und wirksam?
• Welche lebendigen Kunstströmungen in München sind überregional bedeutend, werden international diskutiert und sind in internationalen Festivals gefragt?

Am Podium:

Helga Pogatschar, Wieland Grommes, Stephan Lanius, Philipp Kolb, Graham Lack und Dieter Trüstedt. Journalist und Musikwissenschaftler: Reinhard Schulz. Moderation: Brigitte von Welser.
Nach den Statements des Podiums wird unmittelbar mit dem Publikum diskutiert. Bitte kommen Sie und bringen Sie weitere Künstlerinnen und Künstler und kulturinteressierte Gesprächsteilnehmer mit. Für ein freies Relais - Wein, Wasser und Brot - nach dem Hearing ist gesorgt.

 

Beim Hearing 2002 haben ca. 50 Gäste teilgenommen, unter anderem:
Dr. Dirk Hewig, Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst
Heike Lies, Kulturreferat der Stadt München,
Fachbereich Musik
Georg Eisenreich, Stadtrat der Stadt München
(CSU, kulturelle Belange)

 






1 und 2: Kolb, Schulz, Lanius, Grommes
3 und 4: Lack, Trüstedt, Pogatschar, v. Welser

Wortgenaue Abschrift des Hearings unter:

www.luise37.de/hearing/abschrift&bilder.htm