Komm! Ins Offene


Samstag, 2. Oktober 2021 19 Uhr
Magda Bittner Simmet Stiftung, München, Schwedenstr.54

Leitung: Ulrike Trüstedt

Mitschnitt: http://www.luise37.de/2021/komminsoffene/Ulrikes_Ansprache-korr_02.mp3

Eröffnungsvortrag:

Liebe Gäste, Wegbegleiter*innen, Freundinnen und Freunde,

Ich begrüße Sie /Euch herzlich und freue mich, dass Sie teilnehmen an der Ouvertüre zu dem Projekt Komm! Ins Offene.
Stellen sie sich einen Sommernachmittag vor, trotz großer Hitze ein leichter Windzug am offenen Fenster, in der Boriette, einem Landhaus, wo Fuchs und Has sich Gut Nacht sagen, in Südfrankreich. Das Buch „Ein Fremder, mit einem kleinen Buch unterm Arm“, von Edmond Jabès, in meinem Fall in der Hand, die letzten Seiten lesend.
„Man nimmt nur wahr was man denkt.“
Wahrnehmen ? was ist das wirklich und in der Verbindung mit denken?
Zuerst denken, dann wahrnehmen, - oder beides gleichzeitig?
Entspricht es der Wirklichkeit?
Diese Fragen interessierten mich, sie wurden Thema für zwei Pfingstsymposien, dem internationalen Forum der Begegnung von Wissenschaft und neuer Musik .
wahr ­­- nehmen und im Jahr darauf Ohrendenken,eine Wortfindung des Übersetzers Markus Sedlazek .
„Wer mit den Ohren denkt wird hellhörig.“ Dieses Zitat von Adorno war der sogenannte Schlüssel für weitere Recherchen.

Als ich mich fragte, wie all die 25 Symposien zustande kamen, hielt ich inne und lauschte. Die wesentlichen Entscheidungen traf ich über meine Wahrnehmung....... kam in mein Bewusstsein.

Aha

Für mich eine völlig neue Erkenntnis. Sollte ich sie beschreiben, fiel mir ein Wort auf französisch ein: clairvoyant.
Dieses Ereignis machte mich neugierig. Paralell dazu wurde mir klar, dass unsere Bildung, vorallem vom analytischen Denken und Wissensvermitlung geprägt ist. Es gibt für beinahe alles Curricula und für Wahrnehmen?

Wo bleibt das Wahrnehmen, insbesondere das bewusste Wahrnehmen? Eine wesentliche Ressource, für jede und jeden individuell angelegt.
Erste Einsichten fand ich in dem Taschenbuch Aisthesis heute, 1990 erschienen bei Reclam Leipzig, Essais damals aktueller Philosophen und Schriftsteller.

Auszüge aus dem Briefwechsel der Herausgeber, Karlheinz Barck, Peter Gente, Heidi Paris und Stefan Richter sind für mich aufschlussreich, sie benennen Ursachen:
„ ...... die Wahrnehmung wurde zum ausgesprochenen Stiefkind der Philosophie, sie
wurde in der Folge vergessen oder verdrängt ....
An die Stelle der Sinne und ihrer Funktionen traten Sinn und Bedeutung;
damit ist auch die Wahrnehmung neutralisiert, blind gemacht und diskriminiert.
Es ist der Verstand, der unter dem Deckmantel des Gemeinsinns die Herrschaft
über die Sinne antritt.“

Welchen Part spielt dabei Descartes: Ich denke, also bin ich?

Eine gewisse Traurigkeit ergriff mich und gleichzeitig der Impuls soviel Fröhlichkeit,
Helligkeit und Ausdauer, wie nur möglich, in den Impuls, mich dem Wahrnehmen
zu widmen, hineinzulegen.

Es gilt die Kultur des Wahrnehmens wieder in unserem Bewusstsein zu verlebendigen. Fährten aufzutun, die zu bewusstem Wahrnehmen führen und praktikable Wege zu entwickeln, um sich vertraut zu machen mit dem ursprünglich eigenen Wahrnehmungspotential, das in jedem anders aufscheint.

Den ersten Ansätzen gab ich den Titel:
erkunden - wahrnehmen - erfahren - erkennen
und
wahrnehmen - staunen

Nicht nur Künstler*innen haben dieses Privileg, die Ressource ist für alle von Anfang an angelegt.

Es gibt Kulturen, die das Wahrnehmen von Generation zu Generation weitergeben, sie sind existentiell darauf angewiesen.

Der Senegalese Prof. Cheik Moctar Ba lehrte an einer Pariser Universität Philosophie. Er ging zurück nach Dakar, um seinen Studenten klar zu machen, dass Afrika eine eigene Philosophie pflegt.
Ein Ausschnitt aus einem Interview im Deutschlandfunk von Michael Magercord mit Prof.
Cheikh Moctar Ba:
„Dem westlichen Verstand mangelt es an dem Verständnis für das Unverstehbare: In Afrika können wir über ein Abbild mit einem anderen Individuum in Kontakt treten, das Abbild nimmt am Leben eines Individuums teil - das kann der westliche Verstand nicht akzeptieren.
Uns zeigt diese Ablehnung nur, dass dieser Verstand die Kräfte der Natur nicht erfassen kann.
Im afrikanischen Universum hingegen herrscht eine stetige Interaktion dieser Kräfte, die immerfort in eine Beziehung zur individuellen Lebenskraft treten. Wir fassen als Wirklichkeit nicht nur all das auf, was war und ist. Bei uns ist auch das, was sein wird, in Form der Naturkräfte bereits spürbar.
Zeigt uns die Unfähigkeit der Wahrnehmung der Lebenskräfte nicht einen Schwachpunkt im westlichen Verstandesmodell und westlicher Wahrnehmungskultur?
...Im westlichen Denken wird der übersinnliche Teil der Wahrnehmung nicht der eigentlichen Wirklichket hinzugerechnet.“

Ein Sprung zurück nach Europa. Einstein spricht vom Geschenk:
„Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Geist ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.“

Ja - ich bin sehr neugierig, was und wie wir erkunden werden. Die Wege sich den
Sinnen zu widmen, der Körperwahrnehmung, dem Lauschen, der Tagträumerei, dem Ahnen .... und dabei nicht zu werten, um den Horizont zu erweitern, damit Neues und anderes und ganz anderes eine Chance haben, aufgenommen zu werden.

Ein Gespür für Wahrnehmunsräume zu sensibilisieren ist Nucleus des Projektes.

Fangen wir mit erkunden und erfahren an.
Morgen 10 Uhr starten wir mit dem Workshop Deep Listening, angeregt durch
Pauline Oliveros, den ich leite und nachmittags 14 Uhr 30 leitet Beatrix Schumacher Elemente aus dem klassischen Tai Chi Chuan .

Der Ort hier ist ideal, ruhig, der Garten darf genutzt werden, im Englischen Garten kann man verweilen.
Weitere Termine sind in Planung, 6./ 7. November und 4./ 5. Dezember hier in den Räumen mit unterschiedlichen Workshops, darüber hinaus Vorträge und Konzerte.

Die Vision ist ein Center aufzubauen, zur Kultivierung und Sensibilisierung bewussten Wahrnehmens.

Die Broschüre die sie in Händen halten, ist von Susanne Erasmi gestaltet. Sie läßt
sich wie eine Zeitung lesen, oder je nach Lust und Laune, mal hier, dann da mehr oder Genaueres zum Projekt zu erfahren, in einer offenen Form.

Mein Dank gilt Frau Walterspiel und Frau von Nordenskjöld, von der Magda Bittner Simmet Stiftung, die Räume für Wahrnehmungsräume zu öffnen und ihre Hilfe dem Projekt angeboten zu haben, den Förderinnen, dem Förderer, denen, die in Geprächen beim Klärungsprozess beigetragen haben, insbesonder den ehrenamtlich Engagierten danke ich herzlich.

Lauschen wir Marie Dziomber, lauschen wir Hölderlin,
„Der Gang aufs Land“

Im Anschluss spielen Klaus Peter Werani und Kai Wangler
von Zoltán Kodály Die Chromatische Fantasie von Bach für Viola solo,
von Morton Feldman The viola in my life in der Bearbeitung für Viola und Akkordeon und aus
Räume den 2. und 3. Satz für Viola Solo von Klaus Peter Werani.

Da dasselbe nicht dasselbe ist werden die Stücke The Viola in my life und
der 3. Satz aus Räume ein zweites mal gespielt.

In das Heftchen machen sie vielleicht Notizen zu ihrem Wahrgenommenen,
was auch immer es sein mag.

Ich wünsche Ihnen/ Euch erhellende Momente heute Abend und morgen, Sonntag.

Ulrike Trüstedt, September 2021

 


Konzert am 2.Okt.2021 in der Stiftung: Klaus PeterWerani und Kai Wangler

Mitschnitt: http://www.luise37.de/2021/komminsoffene/Die_Chromatische_Fantasie.mp3
Dauer: 11:18 min.

unendlich-korr.mp3

Sprecherin: Marie Dzoimber

Mitschnitt: http://www.luise37.de/2021/komminsoffene/Der_Gang_aufs_Land_Sprecherin_Marie_Dziomber.mp3
Dauer: 3min17 min

Der Gang aufs Land.
An Landauer

Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.
Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes
Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.
Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer
Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.
Denn nicht wenig erfreut, was wir vom Himmel gewonnen,
Wenn ers weigert und doch gönnet den Kindern zulezt.
Nur daß solcher Reden und auch der Schritt und der Mühe
Werth der Gewinn und ganz wahr das Ergözliche sei.
Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte
Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst,
Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist,
Und von trunkener Stirn’ höher Besinnen entspringt,
Mit der unsern zugleich des Himmels Blüthe beginnen,
Und dem offenen Blik offen der Leuchtende seyn.

Denn nicht Mächtiges ists, zum Leben aber gehört es,
Was wir wollen, und scheint schiklich und freudig zugleich.
Aber kommen doch auch der seegenbringenden Schwalben
Immer einige noch, ehe der Sommer ins Land.
Nemlich droben zu weihn bei guter Rede den Boden,
Wo den Gästen das Haus baut der verständige Wirth;
Daß sie kosten und schaun das Schönste, die Fülle des Landes,
Daß, wie das Herz es wünscht, offen, dem Geiste gemäß
Mahl und Tanz und Gesang und Stutgards Freude gekrönt sei,
Deßhalb wollen wir heut wünschend den Hügel hinauf.
Mög’ ein Besseres noch das menschenfreundliche Mailicht
Drüber sprechen, von selbst bildsamen Gästen erklärt,
Oder, wie sonst, wenns andern gefällt, denn alt ist die Sitte,
Und es schauen so oft lächelnd die Götter auf uns,
Möge der Zimmermann vom Gipfel des Daches den Spruch thun,
Wir, so gut es gelang, haben dass Unsre gethan.

Aber schön ist der Ort, wenn in Feiertagen des Frühlings
Aufgegangen das Thal, wenn mit dem Nekar herab
Weiden grünend und Wald und all die grünenden Bäume
Zahllos, blühend weiß, wallen in wiegender Luft
Aber mit Wölkchen bedekt an Bergen herunter der Weinstok
Dämmert und wächst und erwarmt unter dem sonnigen Duft.

Hölderlin 1801
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Gang_aufs_Land._An_Landauer

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