München - Bagdad in der Echtzeithalle
Carl-Orff-Auditorium der Musikhochschule München (Luisenstraße 37a)
zum 168. Montagsgespräch, 18-10-´04
Die meisten sind Stammgäste, unter ihnen Künstlerinnen und Künstler der verschiedensten Sparten, die sich selbst schon hier vorgestellt haben oder in den nächsten Wochen drankommen. Das Programm wird von der Gruppe ECHTZEITHALLE e.V. organisiert, deren Gründung im Jahr 2000 von dem Physiker, Licht- und Tonkünstler Dieter Trüstedt initiiert wurde.
Seine Gesprächspartnerin heute ist die in München lebende Performance-Künstlerin Angela Dauber, die gerade ihr erstes Buch veröffentlicht hat, "München Bagdad". Sie schrieb es in den 16 Wochen des 2. Irakkriegs, als eine Mischung aus tagebuchartigen Notaten, Erinnerungsstücken, Medienberichten und kurzen lyrischen Passagen. In die ersten Sätze der Lesung hinein erscheint ein großer Hund, der sich direkt hinter mich setzt. Er stinkt. Die Autorin lässt sich nicht stören. Ausgangspunkt ihres Textes ist das Erstaunen über die eigene Wahrnehmung des Kriegsbeginns: "ich kann die Angst nicht denken sie nicht teilen/ die vor Ort/ im Kopf/ im Körper/ die im Gedächtnis". Für die 1946 geborene Angela Dauber verbindet sich mit dem Grollen am nächtlichen Himmel über München keine Bedrohung, ihr fällt die Erklärung der Eltern für Gewitter ein, mit der sie als Kind beruhigt wurde: "ich denke die Engel rollen im Himmel die Fässer".
Angela Dauber ist in ihren Performances eine mündliche Künstlerin. So probiert sie auch für ihren Text verschiedene Lesarten aus, diesmal zusammen mit Dieter Trüstedt, dem rührigsten der ECHTZEITHALLE im Musiklabor München. Trüstedt experimentiert zur Zeit mit dem in Paris und San Diego entwickelten Computerprogramm für elektronische Musik und musique concrète (Pd = pure data), mit dem sich u.a. Stimmen vervielfachen und verfremden lassen. Ihn interessiert weniger das fertige Produkt als vielmehr der Prozess einer künstlerischen Arbeit, dafür ist er mit seinen Mitstreitern unermüdlich tätig, um z.B. den jungen Studierenden der Musikhochschule seine Versuche zwischen Wissenschaft und Kunst nahe zu bringen. Sein Stichwort für den 2. Teil des Abends ist die Faltung, ein Begriff aus der Physik, der das Durchdringen zweier Formeln beschreibt. Trüstedt hat mit Kopfmikrophonen kurze, von Dauber gelesene Passagen an verschiedenen Orten aufgenommen: in der eigenen Küche, in der Straßenbahn, auf dem Friedhof, in der Kirche während eines Orgelkonzerts, im Kaufhaus, bei Regen, die er jetzt einspielt. Weil ich den Text kenne, kann ich mich ganz auf die akustischen Veränderungen konzentrieren, die des Hallens in manchen Innenräumen, die des Untergehens der Worte im Regenrauschen, die einer fast schüchtern klingenden Stimme in der Kirche, und dazwischen, immer wenn der Hund sich umdreht, das Klappern seines metallenen Halsbandes.
Über zwanzig Orte sind ausprobiert worden, und während ich noch den verschiedenen Klangfarben nachsinne, wird auf der Leinwand ein Oszillogramm sichtbar. Trüstedt erklärt: "diese Kurve stellt einen gesprochenen Satz dar, der 8mal synchron einer Verzögerung von einer und mehreren Millisekunden unterworfen wird. Dadurch verändert sich die Raumvorstellung (Faltung)".
Jetzt bemerke ich wieder den Hundegestank. Soll ich mich wegsetzen oder sogar gehen? Akustische Theorie war noch nie meine Stärke. Doch die praktische Umsetzung in Tonbeispiele, die gleich darauf erfolgt, finde ich spannend. Von der Vervielfachung des einzelnen Satzes, der bei einer Verzögerung von über 200 Millisekunden zu einem Chor anschwillt, wird der Hund wach. Er entfernt sich mit klackenden Krallen, die wie ein beginnender Hagelschauer auf die Bühnenbretter prasseln.
Nach dem Applaus für die Künstler kommt auch ein Gespräch mit dem Publikum in Gang, mit technischen Fragen und Vorschlägen zur Gestaltung, wenn das bisher Gehörte zu einer Live-Performance ausgebaut werden soll. Ich frage mich, ob dieser vielschichtige Text die Eingriffe anderer Künste verträgt und nicht zur Musikvorlage mutiert.
Nach zwei anregenden Stunden mache ich mich gleich auf den Weg zur U-Bahn, es gibt genug Stoff zum Nachdenken. Im Untergrund schrecke ich zusammen, als plötzlich der Lautsprecher ertönt: Liebe Fahrgäste, aus Sicherheitsgründen... - Entwarnung, es ist nur die bekannte Durchsage des Rauchverbots, die mir klar macht, das eine Art Kunst wie die gerade gehörte sämtliche Sinne schärft.
Alma Larsen
http//:www.echtzeithalle.de
Angela Dauber - München Bagdad:
veröffentlicht im Verlag epodium,
München 2004 www.epodium.de