Predigt
Samstag 9. Oktober 04, Carl Orff Auditorium, München
Uraufführung: Materialausgabe 2004 der Echtzeithalle München
Samstag 24. April 04, Carl Orff Auditorium, München
Thema:
Reziproke Abbildungen
oder auch INVERSION
Bilder, Text und Stimme: Dieter Trüstedt
Escher-Programm: Henrik Kühn, Universität Ulm, 2004
Die Musik zur Predigt besteht aus drei Lautspuren:
1. Der Wind (des Weltalls)
2. Das Klappern der Seile an den Aluminium-Masten der Segelboote (beim Segeln
im Weltall)
3. Vögel der Nacht
Die drei Lautspuren werden vor Ort generiert. Es sind rein elektronische Klänge.
Variiert werden die Klangdichte.
Einstellung Escherbild:
Standard - Schachbrett - farbig
Schachbrett:
schwarz = dunkelrot (50 %) und
weiss = rot (15 %), grün (100 %), blau (60 %)
Farbe des Weltenmeeres:
grün = 70 % und blau = 80 % (gleich einstellen !)
f = an (fullscreen = ganzer Bildschirm)
i = an (infinity = Schachbrett bis Unendlich)
o = an (opaque = Figur wächst mit)
b = an (borderline = wir sehen die Grenzlinien)
li Maustaste = Kreise ziehen
mittlere Maustaste = fertige Kreise bewegen
re Maustaste = Menue
Menue während des Spiels:
c = colour (Farben)
n = new (alles von vorne)
t = load tile (neues Muster, hier bunt-1.bmp
i = infinity (unendlich wechseln)
[ Schachbrett projizieren ! leicht farbig: dunkelrot und helleres grün ]
1.
Vorwort
"Gott ist eine unendliche Kugel der Einsicht, die so viele Peripherien
hat,
als es in ihr Punkte gibt, und deren Mittelpunkt überall und deren Peripherie
nirgends ist.
Und er ist ganz auch in dem Geringsten von sich."
Meister
Eckehart, 1300
"Die Aufhebung der Kausalität zwischen Bild und Ton, dargestellt
in dem Prinzip der Synchronisation,
führt zwangsläufig zur Aufhebung der Kausalität des zeitlichen
Ablaufs, an dessen Stelle die übergeordnete Einheit
von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu setzen ist:
Kugelgestalt der Zeit."
Bernd
Alois Zimmermann, Essay über Filmmusik, 1967,
Das erste Zitat werden wir im Folgenden behandeln.
Das zweite Zitat hat mit dem ersten zutun, konnte aber noch nicht dargestellt
werden.
Und um Erwartungen zu beruhigen:
Die Musik in der folgenden Predigt besteht ausschließlich aus drei Lautspuren,
die nicht übermäßig verändert werden.
[ MUSIK:
LAUTSPUREN Nr.
2 = Rauschen einstellen - relativ leise - und zuhören und
dann
Nr. 1 = Aluminium-Maste, schneller und dann auf "3"
noch
keine Vögel ]
Das ist das Eine, die grundlegende Substanz, das Alles, das Ununterschiedene,
das In-Sich-Ruhende,
das Auf-Sich-Selbst-Bezogene.
Nehmen wir als Symbol für diesen Satz eine gut überschaubare, strukturierte
Fläche -
eine Fläche wie das projizierte Schachbrett.
Und bedenken wir, dass dieses Schachbrett auch über den Bildschirmrand
hinausgehen kann,
vielleicht sogar bis ins Unendliche.
Der Begriff "Unendlich" ist schwer zu fassen, -
es gibt ein mathematisches Verfahren, "Unendlich" etwas anschaulicher
zu machen.
[In der STILLE - nur Lautspuren sind zu hören - den Kreis zeichnen, korrigieren - betrachten.]

Hier sehen wir einen großen Kreis und seine zarte Grenzlinie.
Vielleicht ist dieser Kreis der Querschnitt einer Kugel.
Wir haben jetzt ein Innen und ein Aussen.
Innen sieht die "Welt" anders aus als im Aussen und doch ist es dieselbe
Welt - nur in einer anderen Form sichtbar,
optisch in einer anderen Form erfahrbar.
Es ist die Innenwelt der Aussenwelt.
Auch das Rauschen
ist ein gutes Symbol für "Unendlich".
Die Frequenzen reichen von Null bis unhörbar hoch oder weit ----
wo ist unhörbar ??
4.
[Die LAUTSPUR Nr. 3 einstellen: die Vögel der Nacht ]
Betrachten wir ein Detail, betrachten wir dieses Quadrat.
Es ist dasselbe Quadrat das draussen ist, nur etwas verbogen, gekrümmt.
So wird das Quadrat von draussen im Innen abgebildet.
So sehen wir das Aussen im Innern.
Um das erfahrbar zu machen, verwenden wir eine Formel aus der Kristallographie:
Die Formel für diesen symbolischen Prozess lautet:
r = 1/r.
Oder:
der Aussen-Vektor ist gleich dem Innen-Vektor mit der Größe eins
geteilt durch den Aussen-Vektor.
Wir könnten das Gleichheitszeichen etwas anders schreiben.
Es ist aber ein Gleichheitszeichen, besser ein Abbildungszeichen.
Jeder Punkt der Aussenwelt hat seinen Punkt in der Innenwelt.
Und es ist nicht sicher, ob der Punkt aussen wirklicher ist
als der Punkt innen.
Wir können auch schreiben 1/r = r. Je nachdem von wo wir ausgehen.
[Kleine PAUSE, dann lesen]
Wichtig ist jetzt eines:
Um so weiter der Punkt im Aussen entfernt ist, umso näher liegt dieser
Punkt im Innen, dem Mittelpunkt des Kreises.
Das Unendliche wird gemäß der Abbildung zum Mittelpunkt.
Nehmen wir an, der Kreis symbolisiert einen Menschen irgendwo in der
Welt - einer Welt symbolisiert durch ein Schachbrett.
Nehmen wir an, dieser Kreis bin ich selbst.
Dann wird die Unendlichkeit der Welt zu meinem eigenem Mittelpunkt.
Wir kennen den Spruch aus dem Osten:
"Ein Haar verschlingt das große Meer" oder "Das Nichts
verschlingt die weite Welt".
[Ruhig, ohne zu reden, die beiden
Kugeln zeichnen und etwas warten.
dann der lateinische Text etc.]
5.

Deus est sphaera intellectualis infinita, cuius tot sunt circumferentiae
quot puncta,
et cuius centrum est ubique et circumferentia nusquam, et qui totus est in sui
minimo."
(Meister Eckehart, aus den Lateinischen Werken, den Expositio libri Exodi,
Nr. II 94 )
Und das heißt:
Gott ist eine unendliche Kugel der Einsicht, die so viele Peripherien hat, als
es in ihr Punkte gibt,
und deren Mittelpunkt überall und deren Peripherie nirgends ist. Und er
ist ganz auch in dem Geringsten von sich.
Wir sehen, dass wir überall Einheitskreise setzen können.
Jeder neue Kreis oder jede neue Kugel beinhaltet die gesamte Welt.
Jeder neue Kreis beinhaltet auch die Kreise, die bereits in der Welt sind.
IM STILLEN das unendliche
Schachbrett ausschalten, d.h. i drücken
Figur
neu setzen = n
vorher drücken,
dann
Kreis zeichnen und betrachten - erst dann lesen.
6.

Falls unsere persönliche Welt nur bis zum Rand des Bildschirmes
reicht,
entsteht bei dieser Betrachtungsform eine Art Swimming-Pool.
Er wirkt ein bißchen römisch - arabisch. Vielleicht hat diese spezielle
Form Gründe.
Und noch eine Konsequenz:
Meine Welt ist jetzt tatsächlich nur noch so groß - wie
der Bildschirm meines Laptops -
natürlich mit einem unendlich großen Welten- Meer drumherum.
7.
[Weitere 4 Kreise
in der STILLE zeichnen - von den Ecken ausgehen
betrachten / vorher
o drücken = opaque]

Jetzt wollen wir noch ein paar weitere Bewohner in diese Welt einsetzen
- aber sie sollen - natürlich - am Rand meiner Welt leben.
Und wir bemerken:
diese neuen Bewohner sehen in sich,
in ihrem Inneren, meinen
Swimming-Pool.
Und sie sehen die Swimming-Poole, die die Anderen sehen.
8.
Ein Wort zu den Lautspuren - wie wir sie im Hintergrund hören,
wechselnd mit unserer jeweiligen Aufmerksamkeit.
Da ist zum einen das Geklapper der Seile -
an den Aluminium-Masten der Boote,
mit denen wir im Weltenmeer herumsegeln.
Und weil es ja nicht nur ein Boot ist, sondern jeder so sein Boot hat,
klappert es sehr viel mehr -
so zum Beispiel
[
Musik: das Klappern am Nordmodular schneller drehen -------- und
wieder zurück !].
9.
im STILLEN -
[infinity
wieder einschalten! d.h. i drücken
linke
Maustaste & größten Kreis ziehen von li oben nach re unten &
dann
mit der mittleren
Maustaste Kreis zur Mitte ziehen.
in Ruhe machen,
dann betrachten - und
dann erst reden ]

Wir haben gehört, das Weltall rauscht. Vielleicht klingt es wirklich so,
wie sie gerade hören.
Und um das bildlich und symbolisch-graphisch darzustellen, wähle
ich einen großen Kreis mit einer ganz großen Seele,
also ich meine mit einem großen Zentrum oder einer großen Mitte.
Wir sehen:
Die Mitte besteht aus chaotischen Strukturen. Ein bißchen Ordnung, aber
sehr viel mehr Unordnung -
oder besser Chaos genannt.
Hatten wir nicht auch das Unendliche als chaotisch gekennzeichnet und es auch
-
als das reine Nichts identifiziert?
Meister Eckehart
verweist für die "namenlose Dimension" auf Ausdrücke wie:
"gunt", "wüeste", "niht" oder "gotheit".
Oder etwas vulgär - mathematisch ausgedrückt:
in der obigen Abbildung keilen sich die Punkte aus dem Unendlichen um die paar
Pixel hier in der Mitte des Bildschirmes:
das Ergebnis ist selbstredend - nach dieser Keilerei - chaotisch.
Das Nichts, die Wüste und das Chaos liegen auf der gleichen gedanklichen
Ebene.
Und hier nochmal das Klappern der Seile gegen die Aluminium-Maste der
Segelboote im Weltenmeer
und das Rauschen mal lauter und mal leiser
und die Nachtvögel.
11.
[ Ruhig das Bild mit
1. mit l
= load tile aufrufen und bunt-1.bmp laden
2. Kreise
von unten aufziehen und dann von oben
aufbauen, betrachen in der STILLE
3. Später
einige Kreise mit mittlerer Maustaste etwas verschieben
es
entstehen goldene Monde]

Wir können auch noch einen anderen Weg beschreiten, indem wir das
Schachbrett-Muster verlassen und
alles ein wenig komplexer gestalten.
Henrik Kühn, Informatikstudent an der Universität Ulm, hat dazu die
Möglichkeit eines frei
zu wählenden Grundmusters mit z.B. 3 Farben freier Wahl geschaffen.
Ich nehme so ein einfaches Musters und verteile es als strukturbildend über
die ganze Welt,
zeichne ein paar Kreise dazu,
verschiebe sie etwas und lasse sie Spuren zeichnen.
Es heißt im Russischen:
Der Mensch sollte wenigsten ein paar Kratzer
in der Welt hinterlassen.
12.
Noch einmal zurück zu Meister Eckehart und seinen Gedanken zur Welt,
zu Gott, zur christlichen Religion.
Irgendetwas fehlt in diesem Konzept !
Es ist der griechische Begriff des Eros.
Ich meine den Eros, der strukturbildend in das Chaos eingreift und den
Eros,
der auch Wärme und Verrücktheit beinhaltet.
Wenn der Gott der Christen etwas mehr vom Eros hätte, wäre es ganz
gut.
Er kennt zwar den Begriff der Liebe, aber dieser Begriff ist ziemlich unterkühlt
und
gleichzeitig besitzergreifend und sehr hoch angesetzt.
Das ist nun wirklich schade.
Diese Predigt können Sie auch im Internet nachlesen und anschauen und
anhören unter:
www.luise37.de/2004/materialausgabe/predigt-mgnm.htm
Ich wünsche Ihnen weiterhin einen schönen Abend!